Page 50 - Schulblatt Thurgau 06 2013
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46 RuND uM DIE scHuLE Schulblatt Thurgau 6 • Dezember 2013
GESchIchtE – GESchIchtEn
richt. In den meisten Schulen Europas wurde der zweisẗndige
Religionsunterricht eingef̈hrt. In der Gegenreformation nach
dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) diente der Katechismus
Schulische unter- des Petrus Canisius als Lehrmittel. Die Hinwendung zum Sub-
jekt ̈usserte sich darin, dass es zur Pflicht des Menschen ge-
ḧrte, die Bibel und den Katechismus zu lesen. Der Unterricht
weisung in Religion erfolgte nicht nach p̈dagogischen Grunds̈tzen, sondern auf
der Ebene der Hauslehrerklugheit.
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Die biblische Idee, dass alle
und Kultur
Menschen vor Gott gleich sind, besẗrkte das Ideal der Volks-
bildung und bef̈rderte die Anstrengungen, religïse Bildung in
der Schule zu f̈rdern.
Religïse Erziehung vom 17. bis 19. Jahrhundert
̈berlegungen zum unterricht in Religion und Kultur Je mehr die intellektuelle Elite unter dem Eindruck wissenschaft-
setzen voraus, dass sich Religion und Kultur konzep- lich-technischer Erkenntnisse zu nichtreligïsen Weltdeutungen
gelangte, umso mehr bem̈hten sich christliche P̈dagogen, die
tionell trennen lassen. Diese aufteilung ist als Folge Verweltlichung zu stoppen. So versuchte der Pietismus dem
der aufkl̈rung – insbesondere der trennung von Zerfall der Gesellschaft durch eine sittlich-religïse Verbesse-
rung zu begegnen. Die Jugend galt als Schl̈ssel zum Zerfall
Kirche und Staat – denkbar, und auf einem laizis-
tisch-multikulturellen hintergrund diskutierbar.
und zur Erneuerung der Gesellschaft. Die Erziehung zielte in
der Folge auf Fr̈mmigkeit (individueller Nutzen) und weltliche
T̈chtigkeit (kollektiver Nutzen). Eingesetzt wurden biblische Je-
Prof. Dr. Damian Miller, Dozent PHTG & Dr. Hans Weber, Historiker
susgeschichten, die durch den Katechismus erg̈nzt wurden.5
Das Leitbild war der sich durch Selbstsẗndigkeit, religïse
DM̈ndigkeit und christliche Urteilf̈higkeit auszeichnende Laie.
Katholische P̈dagogen betonten die Tradition m̈ndiger Frei-
er Beitrag konzentriert sich auf das Thema Religion. 6
heit und subjektiver Selbstbestimmung. In den Konzepten zum
Es ist notwendig, zwischen funktionaler und intentio- Religionsunterricht widerspiegelten sich gesamtgesellschaftliche
naler Erziehung zu unterscheiden. Ist eine Erziehung
Entwicklungen: S̈kularisierung (religïser Traditionsbruch) und
funktional, so meint man, dass sie unabsichtlich und ohne me- Ausdifferenzierung religïser Orientierung und Praxis. 7 Damit
thodisch-didaktische Abẅgungen erfolgt. Sie ereignet sich bei k̈ndigt sich eine religïse Heterogeniẗt an, die in den folgenden
der Besorgung der Tagesgescḧfte durch andere Menschen. In- Jahrhunderten expandierte und sich in Einwanderungsl̈ndern in
tentionale Erziehung wird geplant mit Zielen und Massnahmen. verschiedenen Religions- und Kulturgruppen zeigt. Traditioneller
Je mehr sich das Bildungswesen institutionalisierte, umso mehr Unterricht – unabḧngig welcher Religion – wird substanziell
gewann die intentionale Erziehung an Bedeutung.
herausgefordert.
Erziehung durch den Alltag in der Antike
Die Thurgauer kirchenschulen
Eine intentionale religïs-kulturelle Erziehung gab es in der grie- Mit dem Aufruf der Reformatoren, Schulen zu gr̈nden, beginnt
chischen Antike nicht – am ehesten f̈r angehende Priester. Die die Geschichte der Kirchenschule. In der Landvogtei Thurgau
Einf̈hrung in die religïs-kulturellen Gewohnheiten erfolgte ̈ber unterstanden die evangelischen Schulen der Z̈rcher Kirche.
die funktionale Erziehung. Die typischen Fertigkeiten der altgrie- Die katholischen Schulen wurden entweder aus Konstanz oder
chischen Adelsgesellschaft wurden allẗglich eingëbt, durch aus der Abtei St. Gallen gef̈hrt. Gem̈ss den Z̈rcher Land-
Sittenspr̈che, G̈tter- und Heldenlieder m̈ndlich ̈berliefert. In schulordnungen spielte der Pfarrer eine zentrale Rolle. Er hatte
Anlehnung an Schiller charakterisiert Dolch die religïs-kulturelle die Schulen zu beaufsichtigen, die Lehrer vor der Wahl auf
Erziehung: «Speere werfen und die G̈tter ehren.» 1 Die Bildungs- Kenntnisse und sittliches Verhalten zu pr̈fen sowie Scḧle-
inhalte der Adelsknaben umfassten die sieben freien K̈nste rinnen und Scḧler mit vielen Absenzen und ungen̈genden
des Triviums (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und Quadriviums Leistungen von der Konfirmation (Abendmahl) auszuschlies-
(Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik). Die Erziehung zu sen. Dies war das einzige Druckmittel auf die Eltern, ihre Kin-
religïser Haltung erfolgte a) ̈ber die Gesamtẗnung des ge- der in die Schule zu schicken.
sellschaftlichen Lebens, b) mit Homers Schriften als Zentrum
ethisch-religïser Grundbildung, c) durch die allẗgliche Deutung Ein Blick auf Schulf̈cher, Unterrichtsgestaltung und Lehrmittel
des Kosmos und sp̈ter d) durch die Ethik des Aristoteles.2
zeigt, dass die Kirchenschule auf den Religionsunterricht aus-
gerichtet war. Lesen und Schreiben waren meist die einzigen
Humanismus und Reformation
Unterrichtsf̈cher. Ziel war es, alle Menschen zum Bibellesen zu
In beiden Zeitaltern erfolgte eine zunehmende Hinwendung zum bef̈higen, ihnen die Grunds̈tze des christlichen Glaubens bei-
einzelnen Menschen. In Anlehnung an Martin Luthers Schul- zubringen und sie nach der christlichen Sitten- und Morallehre
schriften bildete sich in den gelehrten Schichten ein Bildungs- zu erziehen. Der Unterricht begann und endete mit einem Gebet
ideal von «Glaube und Bildung, Fr̈mmigkeit und Gelehrsam- und dem Singen eines Kirchenliedes. Beinahe alle Lehrmittel
keit.» 3 In der Folge hielt die Heilige Schrift Einzug in den Unter-
waren kirchlicher Natur. So antwortete 1799 Schulmeister Hans